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Die Lebensschule des Kletterprofis Philippe Ribière – Interview mit Philippe Ribière

Die Lebensschule des Kletterprofis Philippe Ribière – Interview mit Philippe Ribière
Text: Franziska Horn | Datum: 15.04.2016
Die Lebensschule des Kletterprofis Philippe Ribière – Interview mit Philippe Ribière
«Ein Handicap ist keine Entschuldigung»
Er hat das Klettern für Behinderte populär gemacht und ist selbst von Geburt an körperlich gehandicapt. Der 38-jährige französische Kletter-Profi Philippe Ribière meistert die Route, die ihm das Leben vorgibt, mit einer beeindruckenden Einstellung. Ein Gespräch überden Sport, die Natur, Gott und die Welt.
Wer dich auf deinen zahlreichen Videos sieht, findet dich beim ­Klettern, Bouldern, Rennen. Woher kommt deine enorme Energie?
Vielleicht vom Mars? (lacht). Schon meine Adoptivmutter hat sich, als ich noch ein Baby war, gewundert, wo all meine Energie herkommt. So war ich schon immer. Es gibt ausserdem eine Art Legende, die besagt, dass eine körperliche Behinderung eine Strafe dafür ist, dass man in einem früheren Leben arrogant und böse war. Aber man sollte beachten, dass das Leben – egal welches – immer ein Geschenk von Mutter Natur ist.  

Wer glaubt denn an diese Art von Strafen? 
Warum nicht? Wir glauben ja alle daran, dass etwas Höheres wie eine Religion über uns stehen sollte. Aber niemand ist höher, niemand ist überlegen oder anderen überlegen, ausser die Natur. Wir sind nur lächerlich kleine Sandkörner auf diesem riesigen Planeten.
Vielleicht brauchen wir deswegen die Religion, um uns besser zu fühlen. Sie kontrolliert uns, unsere Gedanken, unseren Lebensstil, unsere Entscheidungen und sagt uns, was gut und schlecht ist. Aber wir haben ja selbst ein Gehirn, wir gehen zur Schule, bekommen eine Ausbildung. Warum sollen wir nicht selbstständig denken dürfen? Warum brauchen wir eine höhere Instanz oder ein Buch wie die Bibel, das uns sagt, wie wir uns verhalten sollen? Wenn eines Tages Gott, Allah und Buddha gleichzeitig erscheinen würden, gäbe es ein Riesenchaos. Dann wär’ es vorbei mit all den gefaketen «Wahrheiten». Wir hätten nur noch Anarchisten.

Du glaubst also vor allem an die Natur? 
Ja, ganz stark. Die Natur ist unser «Boss». Schau, wenn wir die Umwelt verschmutzen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn sie uns in den Hintern tritt. Warum machen wir so viel Propaganda rund um die globale Erwärmung – und glauben am Ende auch noch, sie sei ein normaler Prozess? Und warum glauben wir, wir könnten alles besser erfinden als die Natur, könnten Sonne, Wind, Licht, Früchte, Tiere konstruieren … aber das wird alles nie so gut sein wie das Original. Wir zerstören unsere Lebensgrundlage.

Hast du das alles durch das Klettern gelernt?
Ja, und durch meine vielen Reisen. Und durch Lesen ... Und durch Nachdenken. Ich bin kein Superheld. Ich versuche nur, herauszufinden, was die Wurzeln eines natürlichen Lebens sind. Und wenn ich heute, wo ich bekannt bin, die Gelegenheit habe, etwas in der Öffentlichkeit zu sagen, dann tue ich das. In meiner Adoptivfamilie wurden wir nicht gefragt, wir durften nicht viel sagen. Vielleicht bin ich deswegen eine «bekannte Person» geworden, um es endlich tun zu können.

Und wo liegen deine persönlichen Wurzeln? 
(sinniert) Mein Handicap war immer mein Schild, mein Schutz: vor der Arroganz der anderen Kinder und der Erwachsenen, die mich vor meinen Augen ausgelacht und Witze über mich gerissen haben. Heute, wo ich bekannt bin, bin ich wohl eine Art Beispiel geworden für andere. Doch noch immer passiert es, dass jemand mich auslacht, wenn ich auf der Strasse unterwegs bin. Ursprünglich stamme ich von der Insel Martinique in der Karibik. Ich wurde als Baby von meinen Eltern verlassen und mit vier Jahren von einer französischen Familie adoptiert, die ich heute nicht mehr sehe. Sie denken, sie wüssten schon alles, kriegen dabei gar nichts mit und haben noch dazu vergessen, dass sie eine Zunge zum Reden besitzen. Das hat viel Schmerz bei mir verursacht, und es war eine Art Verteidigung, von dort wegzugehen und in der Natur zu leben. Ich lebe jetzt seit sechs Jahren in meinem Van und lerne viel von der Natur. Wenn es kalt ist, oder wenn du Durst hast und etwas trinken willst, musst du wissen, wie du klarkommst.
Philippe Ribière
Philippe Ribière kommt am 12. März 1977 auf Martinique mit körperlichen Missbildungen auf die Welt, die man für das Rubinstein-Taybi-Syndrom hält: Er hat Verwachsungen, Deformationen an Händen und Füssen, elf Finger, verkürzte Unterarme, verkrümmte Zehen. Nach seiner Geburt im Hospital verlassen ihn seine Eltern. Es folgen zahlreiche Operationen. Mit vier Jahren wird Philippe von einer französischen Familie adoptiert und kommt nach Frankreich, besucht die Schule und wächst mit Geschwistern auf. 1994, Philippe ist 16, entdeckt er das Klettern und Bouldern. Heute behauptet er sich als Profi, unterstützt von Sponsoren wie Petzl und Red Bull.

Seit Jahren lebt er in einem Kleinbus, hält Vorträge und reist durch die ganze Welt, immer auf der Suche nach guten Boulder-Spots – und nach Verbündeten im Kampf gegen die andauernde Diskriminierung behinderter Menschen. Neben dem Klettern fotografiert er gerne, dreht Video-Clips oder legt als DJ auf. Er sei ein «Botschafter ohne Botschaft», sagt er – um gleich darauf ein grosses Plädoyer für die Natur zu halten.
Die Lebensschule des Kletterprofis Philippe Ribière – Interview mit Philippe Ribière
Wie sehr hat dich dein Handicap geprägt? 
Mein Handicap hat mir gezeigt, wie wir Menschen wirklich sind, wie wir uns untereinander verhalten. Wir kämpfen und bekriegen uns, vor allem aus einem Grund: Wir wollen besser als der andere sein. Wir wollen Macht über andere besitzen. Diese Macht ist das Schlimmste, was die Zivilisation je hervorgebracht hat.

Du musstest als Kind viele Operationen aufgrund der Missbildungen über dich ergehen lassen. Denkst du an weitere? 
Daran denke ich im Moment gar nicht, und physisch kann ich nichts weiter ändern an mir.

Wo siehst du deine persönlichen, ­physischen oder mentalen Grenzen? 
Ich habe wenig Flexibilität in meinen Handgelenken, weil ich keine Beugemuskeln habe. Das bedeutet, dass ich auch keine Kraft in den Unterarmen habe. Ich kann nicht kneifen oder drücken. Daher bin ich eher schwach in Untergriffen. Ich hoffe, dass ich eines Tages die 7b im Bouldern schaffe, auch wenn es mich viel Arbeit kosten wird. Ich nehme alle Griffe, die ich kann. Ob ich es schaffe, hängt letztendlich auch von der Position meines Körpers am Fels ab. Beim Klettern geht es ja nicht nur um Kraft, sondern um Technik und Balance. Und ja, ein Manager würde mich ebenfalls bereichern, denn aktuell verbringe ich 30 Prozent meiner Zeit damit, Interviews zu beantworten oder mit Sponsoren zu verhandeln. Mit einem Manager könnte ich mich noch mehr ums Klettern kümmern.

Haderst du manchmal damit, dass Klettern und Bouldern für dich schwieriger ist als für andere? 
Ich bin nun mal mit einem etwas anderen Körper auf die Welt gekommen, und auch meine Art zu Klettern ist anders. Natürlich könnte ich mich darüber beschweren, dass ich kürzere Arme habe als andere. Aber Fakt ist, dass ich damit den Fels an sich nicht ändern würde. Das heisst: Auch wenn ich «normale» Arme hätte, wäre ich vielleicht nicht unbedingt stärker oder besser. Ein Handicap als Entschuldigung zu nehmen, ist immer der einfachste Weg, um vor der Realität zu fliehen. Aber ich habe nun mal kein anderes Kapital, als das, das ich habe.

Hast du jemals einen Beruf gelernt – ausserhalb des professionellen Kletterns? 
Nein, ich habe nie gearbeitet in meinem Leben. Das ist vielleicht ein Schwachpunkt, aber ich bin froh, dass ich heute ein eigenständiges, selbstständiges Leben führen kann und kein «Sklave» bin. Ich bin ich. Und darauf bin ich stolz. Ich wollte und musste vielleicht auch erst herausfinden, wer ich eigentlich bin, bevor ich einen Beruf ergreifen konnte. Und mit der Zeit wurde ich dann eben Profi-Kletterer. Aber ich will mich nicht besser machen – vielleicht bin ich im Grunde gar nicht so professionell?

Wann hast du kapiert, dass du viel mehr kannst, als du als Kind geglaubt hast? 
Mein Klettern und meine Sponsoren haben mir gezeigt, dass ich es kann. Sie haben an mich geglaubt. Ich habe rasch Fortschritte gemacht und schaffte schliesslich eine 7a im Bouldern und eine 6c im Seil.

Und persönlich? Wer hat dir Selbstvertrauen gegeben? 
... mmmhhh, ich vermute, das war eine Frau, meine erste echte grosse Liebe. Sie war zehn Jahre älter als ich und hat mich sehr geliebt, weil ich was im Kopf hatte, weil ich sehr rational war und nicht nur emotional. Liebe hat mich zu einem freien Mann gemacht, mir gezeigt, wer ich bin. Und sie hat mir geholfen, anderen eher zu vertrauen.

In deinem Film «Wild One» sagst du, dass du noch immer nach Liebe suchst. Welche Art von Liebe meinst du? 
Auf meinen Diavorträgen rund um die Welt habe ich eine Menge gelernt. Auch, wie gesagt, den Menschen endlich etwas zu vertrauen – ein bisschen zumindest. Ich habe auch zu lieben gelernt, aber das ist Definitionssache, ich meine damit kein Objekt, das man verdient hat. Liebe hat man tief im Herzen, in der Seele, aber es ist kein Ding, keine Trophäe.

Hast du jemals deine biologische Mutter getroffen? Die Suche nach ihr beschreibst du in «Wild One». 
Ja. Das war einer meiner besten Momente. Ansonsten ist mein Motto: Der beste Moment ist immer der nächste! Und ich stehe mit einigen Verwandten in Kontakt.

Du bist viel auf Reisen. Was war die Idee deiner «Evolution Tour»? Und was das Ergebnis? 
Es war die Idee, durch diverse europäische Länder zu reisen und mir anzuschauen, wie man dort mit dem Thema Körperbehinderung im täglichen Leben umgeht. Ich kam nicht klar damit, wie man das in meinem Heimatland Frankreich handhabt. Ich dachte, wir Behinderte könnten da wirklich was dran ändern. Seit 2005 in Frankreich Gesetze für behindertengerechte Zugänge etc. erlassen wurden, hat sich in der Realität nicht wirklich viel geändert. Ich dachte, das sei ein französisches Problem. Dann bin ich in 20 europäische Länder gereist, um herauszufinden, dass wir Behinderten alle im selben Boot sitzen: Wir werden von der Gesellschaft nicht berücksichtigt. Und auch unsere Pensionen liegen unter denen eines üblichen Gehalts. Gleichzeitig zahlen die Unternehmen lieber Strafen, als nach dem Beschäftigungsparagrafen rund zehn Prozent Behinderte einzustellen. Für uns ist das eher ein ständiger Überlebenskampf als eine Lebensgrundlage. Daneben habe ich auf der «Evolution Tour» auch viele Kletterer anderer Nationen getroffen und Diavorträge gehalten. Auf dieser Tour habe ich für mich herausgefunden, dass ich stolz auf mein Handicap bin, und es eine Art «Kostüm» für mich ist. Und dass ich letztendlich damit auch Geld verdiene.

Menschen fühlen sich wohl provoziert von allen, die irgendwie «anders» sind, egal, ob sie schwarz, zu dick, zu dünn oder homosexuell sind. Sie drücken damit auch ihre eigenen Ängste aus. 
Ja, vielleicht ist das so. Vielleicht diskriminiert man andere, um seine eigene Angst vor dem Anderssein zu kaschieren. Aber ich bin kein Philosoph. Vielleicht fühlen sich manche besser, wenn sie für alle ersichtlich zum Mainstream gehören. Das ist menschlich. Aber es gibt kein Recht darauf, körperlich «normal» zu sein. Wir entscheiden nicht darüber mit unseren Gehirnen, auch wenn wir das gern glauben würden. Die Menschen vergleichen sich ständig, so werden wir erzogen. Und wir diskriminieren eben die, die anders aussehen. Dabei sind wir mit unseren Riesenegos eh alle nur Staub im Wind.
«Wenn wir die Umwelt verschmutzen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn uns die Natur in den Hintern tritt.»
Die Lebensschule des Kletterprofis Philippe Ribière – Interview mit Philippe Ribière
Du bezeichnest dich auch als Filmemacher, DJ, Feuerjongleur, Maler, Redner und Lover. Und als Fotograf. Denkst du, dass Fotografieren eine Methode ist, die Dinge besser zu verstehen? 
Ja, vielleicht ist das so. Ich habe einfach viele Facetten. Als Fotograf beschäftige ich mich vor allem mit der Natur. Ich versuche, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Die kleinen Dinge, an denen man vielleicht achtlos vorbeigeht. Und ja, ich gebe immer mal wieder den DJ.

Du sagst, dass du nach 20 Jahren Kletterleidenschaft manchmal immer noch das unbehaglich-existenzielle Gefühl hast, etwas beweisen zu müssen. 
Ja, natürlich hinterfrage ich das immer wieder mal. Grundsätzlich klettere ich, weil es ein natürlicher Ausdruck für mich ist. Aber Anfang letzten Jahres habe ich auf meinem Trip in den Oman für mich festgestellt, dass ich mir nichts mehr beweisen muss. Meine Position als gehandicapter Kletterer half mir, dass ich ausserhalb jeden Wettbewerbs stand. Den habe ich selbst gesucht. Wegen meines andersartigen Körpers hatte ich nie Freunde, als ich ein Kind oder später ein Teenager war. Vielleicht wollte ich deshalb ein berühmter Kletterer werden und damit etwas beweisen. Dass ich auch gut bin. Aber niemand hat mir gesagt, dass ich gut klettern können muss. Und an diesem Punkt, wo ich heute stehe, brauche ich keine Trophäe mehr, um euch allen zu beweisen, dass ich gut bin und was kann.

Was wünschst du dir für die Zukunft? 
Aktuell lebe ich im Van und reise herum, lebe also überall und nirgends. Ich habe seit sechs Jahren in keinem Haus mehr gewohnt. Aber eines Tages möchte ich vielleicht auch gern eine Familie, ein eigenes Heim. Ich möchte etwas komfortabler leben und mir keine Sorgen um das tägliche Essen machen.

Dein nächstes grosses Projekt? 
… am Leben bleiben. Projekte? Das ist so eine typische Frage, die niemand beantworten kann.

... aber Träume? Jeder hat Träume. Zumindest, was das Klettern betrifft? 
Nun, seit Neuestem unterstützt mich die Marke Red Bull als Kletterer. Als ersten Kletterer mit Behinderung überhaupt. Das ist doch mal ein Kompliment.

Gratulation!
Und hab’ ich eigentlich schon erzählt, dass ich die IFSC (International Federation of Sport Climbing) dazu gebracht habe, eine eigene Kategorie für Para-­Sport zu schaffen? Es hat mich elf Jahre Arbeit gekostet, und Ende 2011 gab es dann den ersten Wettbewerb in Arco. Dort habe ich die Bronzemedaille gewonnen. Vielleicht bringt das alle anderen Behinderten dazu, ebenfalls mitzumachen und ein Team zu bilden. Ich wollte zeigen, dass ein Handicap kein Problem sein muss und dass man dann ebenso an Wettkämpfen teilnehmen kann. Das ist eine komplexe und zugleich eine ganz einfache Story. Ich denke, dass meine Bronzemedaille geholfen hat, dem Para-Climbing mehr Anerkennung zu verschaffen. Ich lege Wert darauf, dass man weiss: Ich habe zwölf Jahre ohne Entgelt dafür gearbeitet, um anderen behinderten Kletterern zu helfen!

Du hast gezeigt, dass es geht. Vielleicht inspirierst du dadurch andere, neue positive Erfahrungen zu machen?
Vielleicht. Was ist die nächste Frage? Ob ich Single bin? Aber JA!

Na, zuerst vielleicht mal: Hast du eine eigene Botschaft, als Kletterer, als Filmemacher? 
Das versteh’ ich nicht. Diese Position mag ich nicht. Ich bin kein Botschafter. Nur eine Sache vielleicht, ... ja, doch: Ich glaube an Menschen.

Dann erstmal Dankeschön für das Gespräch.
Ja, bitte. Du schuldest mir dafür ein Dinner, kannst du das schreiben?

Jetzt suchen wir erst mal jemanden, der dir den deutschen Text übersetzen kann.  
Ach, ich kenn da immer ein paar Mädels, du weisst schon …(lacht).

Ja, natürlich, Philippe. Merci für das Gespräch!