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Abseits der Spur – Skidurchquerung in Graubündens wildem Westen

Abseits der Spur – Skidurchquerung in Graubündens wildem Westen
Text: Iris Kürschner, Dieter Haas | Fotos: Iris Kürschner | Datum: 15.11.2016
Abseits der Spur – Skidurchquerung in Graubündens wildem Westen
Menschenverlassene Hochtäler, Bergflanken, die auch nach Tagen noch nicht von Skispuren durchzogen sind. Gibt es das noch? Ja, im Gebiet zwischen Adula- und Medelser-Gruppe in der Quellregion des Vorderrheins. Eine Tour mit Expeditionscharakter.
Die Strasse ins Safiental hangelt sich am Abgrund entlang. Heftiges Schneegestöber sorgt für Anspannung. Ob das Auto die steilen Serpentinen überhaupt schaffen wird? Die Schneeketten liegen dummerweise zu Hause. Jetzt bloss kein Gegenverkehr und anhalten müssen! Intuitiv lehnt man sich vor, als ob der Wagen es dann leichter hätte. Hinter dem Hauptort Safien-Platz lässt der Schneefall nach, hört schliesslich ganz auf. Am Turrahus im Talschluss haben sich die Wolken verzogen. «Wir sitzen hier an der Wetterscheide zwischen den Nord- und den Südalpen», sagt der Wirt und schüttelt jedem die Hand. «Ich bin der Beda.» Der herzliche Empfang, das urige Ambiente: Im Turrahus, einem dreihundertjährigen Walserhaus, fühlt man sich gleich wohl. Ein beliebter Stützpunkt für moderate Skitouren, selbst bei Lawinenwarnstufe drei. Unser Vorhaben benötigt allerdings sichere Verhältnisse. Denn eine Querung der Täler, vom Safien- über das Valser- ins Lumneziatal beinhaltet Steilabfahrten und enge Schluchten. Und als krönenden Abschluss wollen wir eine Runde durch die Greina schlagen. Fast wäre die in den Fels gezwängte Ebene einem Stausee zum Opfer gefallen, so wie Zervreila im Talschluss von Vals.

Schon die Rahmendaten machen klar: Das wird eine Skidurchquerung abseits des Mainstreams. Aber wird das Wetter halten? Eine Woche lang? An einer Wetterscheide weiss man das nie so genau. Markus, Jogi, Dieter und Maria studieren die Skitourenkarte. «Lasst uns morgen früh zum Piz Tomül aufsteigen. Von dort können wir die Abfahrt ins Valsertal etwas überblicken», schlägt Markus vor. Beda Kurath, einst Privatkoch des Schweizer Botschafters, trägt das Essen in die Stube. Mit Safran-Risotto, Gemüse und perfekt medium gebratenem Kotelett zeigt er, was er draufhat. Einen Wecker braucht man im Turrahus eher nicht. Die knarzenden Dielen verraten jeden Frühaufsteher. Durch den frostigen Morgenschatten steigen wir in sonnengeflutetes Gelände auf. Langsam erheben sich imposante Gipfel wie die markanten Pizzas d'Anarosa aus dem Meer von Bergen.

Im hintersten Talgrund Safiens, von den deutschsprachigen Landsuchern zuerst eingenommen und gründlich gerodet, «lag bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts das politische Schwergewicht der ganzen Gemeinde», schreibt der Safier Walserforscher Paul Zinsli. Von der damaligen starken Besiedlung des weiten Talgrunds ist nichts mehr zu spüren. Ein stiller Winkel, in dem bei Schneemangel allenfalls das Ausgleichsbecken der Zervreila Kraftwerke die Idylle stört. Aber es bringt der Gemeinde Strom und Wasserzinsen.

Couloirs und Felsbänder zeichnen die breite Flanke des Bruschghorns direkt über dem Turrahus wie in einem attraktiven Schwarz-Weiss-Stich. Bald schweift der Blick talauswärts über das gesamte Safiental mit seiner skitourenfreundlichen Ostseite. Ein windverblasener Grat führt schliesslich auf den Piz Tomül, den die Safier Wissasteihorä nennen. Er bricht so schroff ins Valsertal ab, dass einem schwindlig werden könnte. Wir zeichnen Zöpfchenmuster in die Ostflanke des Piz Tomül, wo sich noch Pulverschnee hält, und queren dann zum Tomülpass. Auch die Abfahrt zur Alp Tomül gibt sich moderat. Unter den Felsklippen des Riedboda halten wir besser weiten Abstand. Die Passage gilt als lawinengefährdet. Hinter Schindlabüdemli – ein Bödeli, wo die Valser einst gefälltes Holz zu Schindeln verarbeiteten – leitet uns ein Alpweg durch den Riefawald. Die letzten Höhenmeter nach Vals ziehen wir die Spuren durch offenes Gelände und Sulzschnee.
Abseits der Spur – Skidurchquerung in Graubündens wildem Westen
Die Greina-Hochebene erreicht man durch ein Seitental des Val Lumnezia.
Abseits der Spur – Skidurchquerung in Graubündens wildem Westen
Die Greina-Hochebene erreicht man durch ein Seitental des Val Lumnezia.
Die Greina-Hochebene erreicht man durch ein Seitental des Val Lumnezia.

Eine Wohltat für die Muskeln – ab in die Valser Therme

Jede Menge Lawinen- und Bachverbauungen versuchen zu verhindern, was dem Tal in der Vergangenheit üble Zerstörungen brachte. Die Valser hatten einst sogar erwogen, geschlossen nach Amerika auszuwandern. Schön, dass es nie so weit kam. Wer in Vals übernachtet, wird sich die berühmte Therme bestimmt nicht entgehen lassen, zumal die Unterkünfte einen nahezu halbierten Eintrittspreis offerieren. Vor drei Jahren habe man den Badeobolus auf stolze 80 Franken erhöht, um den Ansturm zu reduzieren, erklärt die Dame an der Kasse. «Ein Erlebnis für die Sinne soll es sein», hallen ihre Worte nach, als wir in das dampfende Nass des Mineralwassertempels eintauchen. Aus Valser Quarzit schuf der Baselbieter Architekt Peter Zumthor eine Therme, die Weltruf erlangt hat. Jeder Winkel birgt Überraschungen – eine wahre Augenweide, ein Genuss. Gruftig die Kammern mit dem Schwitz- und dem Dampfstein, belebend der Wechsel vom 42 Grad heissen Becken zum Kaltwasserpool. Im wohlig warmen Aussenbecken lassen wir uns den vom Rucksacktragen etwas verspannten Rücken unter kräftigen Brausen massieren. Der Blick verweilt auf den schroffen Flanken des Piz Tomül. Dann setzen wir die Wasserkur fort und stossen mit einem Becher Valser Wasser an, das in einer Grotte mineralisiert direkt aus dem Berg sprudelt. Im Innern des Piz Auls wird das Wasser durch 220 Millionen Jahre alte Gesteinsschichten geläutert und mit vielen wertvollen Mineralien und Spurenelementen angereichert. Nach durchschnittlich 25 Jahren und einem mindestens tausend Meter tiefen Weg sprudelt das Wasser schliesslich kristallklar aus der St. Petersquelle in Vals. Seit den 1960er-Jahren wird es in Flaschen abgefüllt und ist mittlerweile mindestens genauso bekannt wie die Steinplatten aus Valser Quarzit.

Mit erhitzten Gesichtern schlemmen wir uns abends durch das Menü des Hotel Alpina. Man müsste länger bleiben. Aber morgen wollen wir über das Skigebiet am Dachberg ins Val Lumnezia und uns der Greina nähern. Markus ist sich nicht ganz sicher, ob die Abfahrt gelingt. Eine Störung soll aufziehen. Bei Nebel wollen wir nichts riskieren. Dann eben Plan B – mit dem Postauto unten herum.

Schneidend kalt: Frieren im «zuffel»

Tatsächlich liegen die Täler anderntags unter einer Wolkendecke. Nur die Gipfel über 2800 Meter atmen sonnige Freiheit. Auch der von Vals bequem mit Gondel und Skiliften erreichbare Dachberg, von wo der Blick unendlich schweifen kann. Rheinwaldhorn, Piz Terri, Oberalpstock, Tödi, Bruschghorn, Bernina – steinerne Inseln in der Wolkenbrandung. So schön die Stimmung, so heikel die Abfahrt ins Whiteout des Lumneziatals. Wir entschliessen uns schweren Herzens für Plan B. Später, in der Pensiun Pez Terri in Vrin, erzählt ein Einheimischer begeistert von der Schwarzhorn-Abfahrt. Aber klar, wir hätten uns richtig entschieden, bei Nebel sei sie nicht zu empfehlen, versucht er uns aufzumuntern. Weit und offen zeigt sich das Lumneziatal, gerne als «Tal des Lichts» bezeichnet, auch wenn der Name sich nicht vom lateinischen «lumen» ableiten soll, sondern von den Lepontiern, die das Tal von Süden her besiedelten. Der von der Vriner Barockkirche abgesetzte Campanile wirkt sehr italienisch. Das Dorf unterhielt über den Greinapass enge Beziehungen mit dem Tessin und Oberitalien. Im Winter verdiente man sich als lattès, als Molkereiarbeiter in Milano.

Mit der Moderne kam die Landflucht. Lösungen muss-ten gefunden werden, damit die Bauern im Dorf bleiben: Ökonomisches und nachhaltiges Wirtschaften durch Güterzusammenlegung und Umnutzung diverser Gebäude, Direktvermarktung lokaler Produkte. Um Spekulationen zu verhindern und einheimischengerechte Preise zu erhalten, kaufte die Gemeinde Bauland auf. Das beispielhafte Vorgehen brachte Vrin 1998 den renommierten Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzverbandes ein. So ist der Ort längst ein Pilgerort für Architekturliebhaber, die dem Vriner Baumeister der Neuzeit, Gion A. Caminada huldigen. Seine Werke schmiegen sich unauffällig in die alte Bausubstanz. Fast hätten wir die berühmteste Telefonzelle der Schweiz übersehen – die Caminada, verkleidet in einem hölzernen Strickbau.

Schneewolken treiben ihr Spiel. Wir bangen. Wie viele Flocken werden in der Nacht fallen? Zu viel Schnee würde den Zustieg über den Pass Diesrut in die Greina vereiteln. Jungfräulich überzuckert empfängt uns in der Früh eine Bilderbuchlandschaft, zum Glück nur eine akzeptable Neuschneeschicht. Wir wagen es. Die dreieinhalb Marschstunden, die der Tourenführer vom Weiler Sogn Giusep zur Terrihütte veranschlagt, ziehen sich wie Kaugummi zu einer tagesfüllenden Tour. Die Spurarbeit kostet Kraft und Zeit. Dazu bläst uns mächtig der Föhn entgegen. Das Lumneziatal wird gerne vom Wind gebeutelt, mal ist es der «zuffel», wie die Vriner Romanen den vom Süden stürmenden Fallwind nennen, mal ist es die «l'aura dado», die bissige, aus dem Norden fegende Brise. Was wie ein Kosewort klingt, lässt unsere Nasen, Wangen und Hände zu Eiszapfen gefrieren.
Geschafft! Bei der Ankunft auf der Terrihütte ist nicht mehr viel Restlicht übrig.
Abseits der Spur – Skidurchquerung in Graubündens wildem Westen
Geschafft! Bei der Ankunft auf der Terrihütte ist nicht mehr viel Restlicht übrig.
Geschafft! Bei der Ankunft auf der Terrihütte ist nicht mehr viel Restlicht übrig.
Im Banne des Piz Terri – die Aufstiegsroute auf den Pizzo Coroi.
Abseits der Spur – Skidurchquerung in Graubündens wildem Westen
Im Banne des Piz Terri – die Aufstiegsroute auf den Pizzo Coroi.
Im Banne des Piz Terri – die Aufstiegsroute auf den Pizzo Coroi.
Sturmwind  peitscht am Pass Diesrut ins Gesicht.
Abseits der Spur – Skidurchquerung in Graubündens wildem Westen
Sturmwind  peitscht am Pass Diesrut ins Gesicht.
Sturmwind  peitscht am Pass Diesrut ins Gesicht.
Immer wieder müssen wir heikle Passagen einzeln durchqueren, was zusätzlich Zeit verschlingt. Wolkenfetzen pfeifen über uns und zaubern mystische Impressionen. Nach einer kurzen Abfahrt vom Pass Diesrut liegt die Terrihütte zum Greifen nahe vor uns. Doch eine Schlucht trennt vom lockenden Stützpunkt. Durch sie führt nur der Sommerweg. Der sicherere Winterweg zieht sich in ausladendem Bogen um die Erhebung des Muotta Greina. Es dämmert bereits. Spannung liegt in der Luft. Bei Dunkelheit lassen sich heikle, lawinengefährliche Abschnitte nicht mehr erkennen. Wir sind erschöpft. Trotzdem setzen wir zum Turbogang an. Schnell noch einen Müesliriegel, ehe wir bergwärts weiterschuften. Dann, endlich, taucht im Schein der Stirnlampen das verlassene Gemäuer der Terrihütte auf. Doch die Arbeit ist noch längst nicht erledigt. Den Winterraum freischaufeln, den Ofen anschmeissen, Schnee schmelzen für Trinkwasser und Suppe, Kochen, Felle trocknen ... Abenteuer eben. Markus zieht stolz eine Flasche Wein aus seinem Rucksack. Dazu bruzzelt er Rösti mit Sardinen. Heute ist er der Starkoch. Das Hüttenbuch verrät, wir sind die ersten Gäste seit Silvester. Nur an Ostern wird die Terrihütte während der Wintersaison bewirtschaftet. Die schwere Erreichbarkeit des Stützpunktes in einem von Tourengehern verhältnismässig wenig frequentierten Gebiet lohne eine längere Bewirtschaftung nicht, hat Hüttenwart Toni Trummer verraten. Ganz anders im Sommer. Denn die Greina hatte sich durch ein geplantes Stauseeprojekt und vehementen Widerstand in den 1970er- und 80er-Jahren in die Schlagzeilen katapultiert. Das beschert ihr immer noch einen entsprechenden Zulauf. Die Greina ist mittlerweile ein Symbol für Naturerhalt.

Eine Tundra-Landschaft wie in Sibirien

Plaun la Greina heisst die Gegend auf Rätoromanisch – ein etwa sechs Kilometer langes und einen Kilometer breites, baumloses Hochland, schwer zugänglich, unbewohnt. Ein Flachmoor voll seltener Pflanzen. Beim Bau einer 80 Meter hohen Staumauer wäre all das ersoffen. Im November 1986 zog sich das Konsortium der Kraftwerksgesellschaften zurück. Die Revoluzzer der Projektverhinderung gründeten die Greina-Stiftung und initiierten den «Landschaftsrappen» – eine Ausgleichszahlung, die es auch finanzschwachen Berggemeinden ermöglicht, Landschaften von nationaler Bedeutung unter Schutz zu stellen. So werden die Gemeinden Somvitg und Vrin mit einem jährlichen Betrag von rund 40 Prozent der ursprünglich geplanten Wasserkraftzinsen entschädigt.

Die Sonne kitzelt bereits die Gipfelspitzen, als wir uns aus den Schlafkojen schälen. Trödelnd geniessen wir den Morgen, keine anspruchsvolle Tour steht an. Über den Pizzo Coroi wollen wir zur Capanna Scaletta wechseln. Nach kurzem Aufstieg von der Terrihütte breitet sich die ganze Pracht der Greina-Ebene vor uns aus. Eine Tundra, die auch in Sibirien liegen könnte. Unberührt, einsam. Kein Geräusch. Nicht einmal eine Tierspur. Vielleicht bald die Kernzone eines Nationalparks. Seit Jahren kämpft das Projekt des Parc Adula um Anerkennung.

Ein Stein mit Kreuz ragt aus der Schneeprärie. Der Crap la Crusch markiert das Herz der Greina und zugleich die Kantonsgrenze Graubünden/Tessin, die Sprachgrenze Rätoromanisch/Italienisch sowie eine kontinentale Wasserscheide. Zur Schneeschmelze wird sich das Wasser entscheiden, entweder gen Mittelmeer zu fliessen oder gen Rhein, also in die Nordsee. Im Banne des mächtigen Piz Terri gehen wir die Kammüberschreitung des Pizzo Coroi an. Die nordseitige Abfahrt zur Scalettahütte könnte heikel sein, bekundet Jogi. Viel Triebschnee hat sich auf den Steilflanken abgeladen. Wir wissen nicht, dass Dieter gerade verzweifelt versucht, uns übers Handy zu erreichen. Ihn plagte eine Blase an der Ferse, sodass er durch die Greina schon zur Scaletta vorausgegangen ist. So kann er unsere Abfahrtsroute begutachten. Dort haben sich Schneebretter von alleine gelöst. Er will uns warnen, doch die Netzverbindung streikt. Derweil beratschlagen wir – und entscheiden uns für die risikoärmere Variante.

Ein Stück die Aufstiegsspur zurück und durch weniger als 30 Grad steile Hänge. Das Flachstück durch die Greina zieht sich dann, doch die Landschaftsimpressionen machen das wieder wett. Derweil ist Dieter bereits an der Scalettahütte. Die Winterhütte sollte doch neben dem Haupthaus liegen? Hmm ...! Da ist nur ein mächtiger Haufen Schnee zu sehen. Wo wird wohl der Eingang sein? Erst der Anruf beim Hüttenwart präzisiert den richtigen Punkt zum Ansetzen der Lawinenschaufel. Dieter buddelt sich in den Berg. Als wir Scaletta erreichen und Dieter aus dem Schneeberg lugt, denken wir zuerst, er käme vom WC. «Wo ist denn die Hütte?» «Na hier!» – «Oh ...!»
Das Herz der Greina-Hochebene.
Abseits der Spur – Skidurchquerung in Graubündens wildem Westen
Das Herz der Greina-Hochebene.
Das Herz der Greina-Hochebene.
Das Innere des Schneebergs birgt ein wahres Hexenhäuschen. Gemütlich bullert bereits der Ofen, und Dieter kredenzt eine Runde Tee. Ganze Arbeit hat er geleistet, und wir sind froh, unsere müden Glieder strecken zu können. Es scheint, als seien auch hier im Winter selten Gäste. Mehr als wir fünf Leute hätten die enge Hütte mit Sicherheit in ein Chaos verwandelt. Draussen tobt der Wind. Wohl ein Dauerzustand an diesem ausgesetzten Stützpunkt, wie die Verfrachtungen verraten. Der Klogang wird zur Expedition. Hat man sich endlich zur WC-Kabine direkt am Abgrund vorgearbeitet und niedergelassen, hat man das Gefühl, als sässe man auf einem Föhn, nur eben eiskalt.

Aus der Stille ins Netz der Zivilisation

Wieder empfängt uns ein strahlender Tag. Und dem Sturmwind geht unmittelbar oberhalb der Hütte die Puste aus. Zurück in der Stille ziehen wir in Serpentinen dem Piz Valdraus entgegen. Erst kurz vor dem Gipfelaufschwung treffen wir auf andere Skispuren. Es muss die Linie eines Bergführers sein, so perfekt ist sie in den 35 Grad steilen Gipfelhang gelegt. Eine Gruppe aus Zürich ergötzt sich oben am Rundblick. Gemäss der Website von gipfelderschweiz.ch sollen sich bei der fantastischen Fernsicht, die heute herrscht, 910 Gipfel, davon 341 über 3000 Meter und 16 über 4000 Meter zeigen, verraten sie uns bestens vernetzt. Willkommen in der Zivilisation, im Tourenareal der Medelserhütte. Als kleinen Punkt können wir sie auf der Fuorcla da Lavaz nördlich des vergletscherten Piz Medel erkennen. Pulverhänge machen die Abfahrt ins Val Lavaz zum Vergnügen. Der etwas zähe Gegenanstieg zum Stützpunkt findet in der frohen Erwartung eines kühlen Hopfensaftes statt. Die Terrasse ist voll besetzt, Wochenende. Welch ein Kontrast zur Einsamkeit der Greina!

Anders eben, aber auch schön: der Austausch mit Gleichgesinnten, Hüttenkomfort, vor allem aber die Frischkost. Petra und Thomas Meyer beweisen, wie gut man auf einer Hütte kochen kann. Verführerisch lockt am Tresen schon das Kuchenbuffet. Aus dem Ofen duften Pizzoccheri an frischem Gemüse. Es war Liebe auf den ersten Blick, als Petra und Thomas vor Jahren hier eine Skitour unternahmen. Zu jener Zeit betrieben sie noch die Gufferthütte im Tiroler Rofan. «Mehr Berggasthof als Hütte», beschreibt Petra den Guffert-Stützpunkt. «Wir wollten es archaischer.» Und so griffen sie zu, als die Sektion Uto im Sommer 2015 für die Medelserhütte eine neue Bewirtschaftung suchte. Die Begeisterung der beiden für die Bergwelt wirkt ansteckend, das Leuchten in den Augen, wenn sie von den Steinböcken an der Hütte erzählen. Dabei haben beide einen Doktortitel. «Zu viel Büro», erklärt Petra ihren Umstieg. Ähnlich muss es Placidus Spescha gegangen sein, der seine Klosterfinken lieber mit Bergschuhen tauschte. Der Pater beschrieb es so: «Durch das stille Sitzen und viele Nachdenken ward mein Leib schwer und mein Gemüt traurig: Ich setzte mich in Bewegung, schwitzte meine bösartigen und überflüssigen Feuchtigkeiten aus und kam nach Hause, gereinigt und leicht wie ein Vogel.»