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Kältekunde – Kälte am Berg

Kältekunde – Kälte am Berg
Datum: 15.11.2019
Kältekunde – Kälte am Berg
Alle hundert Höhenmeter bergauf sinkt die Temperatur durchschnittlich um 0,65 °C. Besonders gefährlich wird Kälte, wenn ungenügender Schutz und Erschöpfung zusammenkommen. Aber was passiert eigentlich bei einer Unterkühlung? Mit welchen Signalen warnt uns der Körper vor Erfrierungen? Welche Gegenmassnahmen helfen, und wie lassen sich dauerhafte Schäden vermeiden?
Egal, ob jemand in Grönland geboren oder im australischen Busch aufgewachsen ist – eines haben alle Menschen gemeinsam: Unser Körper verlangt 37 °C Kerntemperatur, egal, ob draussen 30 °C plus oder 40 °C minus herrschen. Anders als bei wechselwarmen Lebewesen (z. B. Fischen, Reptilien, Insekten) funktionieren unsere lebenswichtigen Stoffwechsel­prozesse nur innerhalb geringer Temperaturlimits. So wie bei 40 °C Fieber unsere Alarmglocken schrillen, ist auch der Spielraum nach unten sehr begrenzt: «Bei einem Abfall der Körperkerntem­peratur unter 35 °C spricht man von einer Hypothermie», erklärt Dr. Peter Paal, Bergrettungs- und Notarzt und wissenschaftlicher Leiter der medizinischen Kommission der International Commission of Alpine Rescue (ICAR MEDCOM). Das, was landläufig als Unterkühlung bekannt ist, droht uns nicht nur in der Arktis oder am Everest, sondern auch in den Alpen: Zwar seien Bergrettungseinsätze für Erfrierungen in den Alpen selten, wie Ueli Mosimann, Fachverantwortlicher Sicherheit im Bergsport beim SAC, berichtet. Aber: «Deutlich häufiger sind Unterkühlungen, meistens im Zusammenhang mit einer Blockierungssituation oder einer Lawinenverschüttung.» Laut SAC sind in den Schweizer Alpen insgesamt 16 Berggänger seit 1998 an den Folgen einer Unterkühlung verstorben, 13 davon während Skitouren, drei auf Hochtouren. Abgesehen von den Todesfällen sind statistische Angaben zu Kälteschäden allerdings schwierig. «Es gibt eine riesige Dunkelziffer, weil Personen oft gar nicht ins Spital kommen oder nicht erfasst werden», sagt Dr. Monika Brodmann, leitende Ärztin der internationalen Notfallmedizin in Bern. «Zudem sind Unterkühlungen oft eine Begleiterscheinung anderer schwerer Verletzungen.»

Wenn der Körper auskühlt

Aber was passiert eigentlich, wenn der Wärmeverlust unsere Wärmeproduktion übersteigt? Zunächst versucht der Körper, durch eine gesteigerte Atmung und eine höhere Aktivität des Kreislaufes sowie durch Muskelzittern die Körperkerntemperatur konstant zu halten. «Abhängig von der Muskelmasse kann Zittern die Wärmeproduktion um das Sechsfache steigern», so Paal. Doch das funktioniert nur so lange, wie die Energiespeicher des Körpers vorhanden sind. «Glykogen ist das Stichwort: Ist der Zucker in den Speiseresten im Darm sowie in den Muskeln und in der Leber aufgebraucht, ist kein Zittern mehr möglich», erklärt Paal. Haben wir es dann noch nicht ins Warme geschafft, fängt unser Körper an, nach Wichtigkeit zu sortieren. «Die Blutzufuhr in Randgebieten des Körpers wird gedrosselt und der Blutkreislauf im Körperkern zentralisiert», so Paal, «um die lebenswichtigen Organe so lang wie möglich zu versorgen.» Das bremst den wärmenden Blutstrom in der ­Peripherie, Blutplättchen und Blutkörperchen lagern sich aneinander, machen das Blut zäher, bis die Durchblutung der Extremitäten ganz stoppt. Es folgt, was jeder schon einmal erlebt hat: Finger und Zehen fühlen sich kalt an und schmerzen, sobald sie wieder auftauen.

Falls immer noch keine wärmenden Gegenmassnahmen getroffen werden (können), was spätestens jetzt dringend angebracht wäre, verfährt der Körper weiter nach diesem Prinzip. Die Durchblutung wird auch im Körperkern reduziert, Atmung und Kreislauf verlangsamen sich und setzen bei weiter sinkender Kerntemperatur schliesslich aus, der Mensch verliert das Bewusstsein. Dieser Prozess der Unterkühlung fördert zwar die Gefahr einer lokalen Erfrierung, ist aber ein wirksamer Selbstschutz des Körpers, um die lebenswichtigen Organe vor Sauerstoffmangel zu schützen. «Es gibt immer wieder Fälle, in denen leblose, schwer unterkühlte Personen sogar nach mehrstündigem Herzkreislaufstillstand erfolgreich wiederbelebt werden», sagt Paal. Erst vor Kurzem hätten Ärzte ein zweijähriges Kind, das ins Wasser gefallen war, mit einer Körperkerntemperatur von 11,8 °C wiederbeleben können. «Das ist ein Weltrekord, und das ohne neurologische Folgeschäden», so Paal. Seit den 1970er-­Jahren gilt in der Medizin das Prinzip: «Niemand ist tot, solange er nicht warm und tot ist.»
Das Sibirien der Schweiz Obwohl La Brévine nur knapp über 1000 Metern liegt, wurden im kleinen Hochtal Kälterekorde bis minus 48,1 Grad gemessen.
Kältekunde – Kälte am Berg
Das Sibirien der Schweiz Obwohl La Brévine nur knapp über 1000 Metern liegt, wurden im kleinen Hochtal Kälterekorde bis minus 48,1 Grad gemessen.

Unterkühlung als Lebensretter

Es klingt paradox, aber so gesehen hat eine Unterkühlung auch ihre positiven Seiten. In einer Studie zum Lawinenunfall schreiben Paal und seine Kollegen über die Hypothermie: «Einerseits droht der Erfrierungstod, andererseits geben Fälle Hoffnung.» So könne die Unterkühlung für Lawinenverschüttete mit Atemhöhle le­bensrettend sein. Durch den Mangel an Sauerstoff und dem wieder eingeatmeten Kohlenstoffdioxid verlieren die Verschütteten das Bewusstsein, das Kältezittern stoppt und der Körper kühlt schneller aus. Genau darin liege die Chance: Mit sinkender Körperkerntemperatur nimmt der Sauerstoffbedarf des Körpers ab, was die Überlebenschance theoretisch sogar erhöht. Voraussetzung ist allerdings, dass die Atemwege frei sind. «In den meisten Fällen sind die Atemwege verlegt, deswegen erstickt der Lawinenverschüttete lange bevor die Unterkühlung «wirksam» werden kann», erklärt Paal. Ein anderes Kälte-Paradoxon hilft dagegen garantiert nicht gegen Hypothermie: Immer wieder entkleiden sich unterkühlte Höhenbergsteiger, weil sie kurz vor dem Verlust des Bewusstseins ein plötzliches Hitzegefühl spüren. «Das Phänomen ist bekannt, aber wenig untersucht», sagt Paal. «In der Höhe kommen Faktoren wie Sauerstoffmangel dazu. Auch Alkohol oder die Einnahme von bewusstseinsverändernden Medikamenten können zu dem vermeintlichen Hitzegefühl führen.»